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Kommunikations-Plattformen im Test

Erfahrungsbericht

Stefan Betzold | 21.12.2020

Erste Frage: Kommunikations- oder Lernplattform?

Entscheidend ist die Frage, was für den Einsatz an der Schule am wichtigsten ist. Unser Fokus lag dabei nicht auf der Auswahl eines komplexen Lernmanagementsystems, sondern auf der Verbesserung und digitalen Unterstützung der Kommunikation von Lehrer*innen mit Eltern und Schüler*innen. Das umfasst Funktionen wie Nachrichten und Aufgaben versenden, aber auch Chat und Video-Konferenz und die Möglichkeit eines cloud-basierten Dokumenten-Austauschs.

Was ist eine Lernplattform?

Eine Lernplattform, oder auch Learning-​Management-System (LMS), dient dazu jegliche Lernprozesse in der Schule digital organisieren und koordinieren zu können. LMS bieten ein großen Funktionsumfang mit Datei-Management-System, Kursräumen, Aufgabenmodulen und häufig auch Kommunikations-Funktionen wie Chat, Foren und teilweise auch Video-Chat-Integrationen. Bekannte Lernplattformen sind dabei z.B. Moodle oder itslearning und alle Bundesländer haben eine empfohlene Lernplattform für die jeweiligen Schulen eingerichtet.

Was ist eine Kommunikationsplattform?

Man kann dabei grundsätzlich zwei Arten von Anbietern unterscheiden: reine Video-Chat-Anbieter, wie Zoom und WebEx, die viele Eltern. von der Arbeit und aus dem Home-Office kennen, und Anbieter mit einem größeren Funktionsumfang, die neben Video auch Funktionen wie Chat-Gruppen, News und Dateimanagement mit integrieren.

Die Lernplattformen der Bundesländer haben teilweise ebenfalls Kommunikations-Funktionalitäten integriert, häufig sind die Angebote in der Benutzerfreundlichkeit („usability“) nicht unbedingt „Grundschul-gerecht“. Für uns stand daher bei der Auswahl vor allem die Schüler-Perspektive im Vordergrund, d.h. Einfachheit und Benutzerfreundlichkeit sind wichtiger als eine umfangreiche aber dadurch meist komplexe Lernplattform. Daher haben wir uns im Auswahlprozess auf die Kommunikations-Plattformen fokussiert.

Zweite Frage: Nur Video-Chat oder umfangreiche Funktionen?

Bei den Kommunikations-Angeboten gibt es Anbieter, die sich rein auf die Video-Chat-Funktion fokussieren, und Plattformen, die Whatsapp-ähnliche Chat-Gruppen, Nachrichten-Funktionen und Datei-Ablagesysteme mit integrieren.

Ein Angebot der Münchener Agentur Horizon44 GmbH, die ein sicheres und einfaches Tool ohne Zugangshürden für jedermann zur Verfügung stellen wollte.

Ohne Registrierung kann einfach eine Video-Konferenz gestartet werden. Weitere Funktionen sind aber nicht abgedeckt, daher ist diese Lösung nur dann interessant und relevant, wenn ausschließlich ein Video-Chat benötigt wird.

Meetzi ist ein Angebot der Augsburger Web-Agentur LimTec GmbH. Auf Basis von Open Source-Anwendungen können Klassen online unterrichten und in einer Audio/Video-Konferenz auch auf einer digitalen Tafel malen und schreiben.

Das Angebot ist kostenlos und es ist keine Registrierung nötig. Die Server sind in Deutschland, scheinen aber unter der Last des Lockdowns schon in die Knie zu gehen, da aktuell keine neuen Klassenzimmer-Räume angelegt werden können. Für einen breiteren Einsatz daher vielleicht aktuell nicht zu empfehlen.

Whatsschool bietet einen virtuellen Klassenraum an, in dem die Kinder via Video- und Bildschirmübertragung unterrichtet werden können. Das Video-System bietet eine Präsentationsfunktion, ein Whiteboard und einen Chat. In der Video-Konferenz können zudem weitere “Räume” für Gruppenarbeiten eröffnet werden.

Grundsätzlich ist das Angebot eine erweiterte Installation eines BigBlueButton-Servers mit ein paar zusätzlichen Funktionalitäten. Das Preismodell mit 2 € monatlich pro Arbeitsplatz ist allerdings für ein flächendeckendes Angebot unrealistisch.

3. Kommunikations-Plattformen

Spannender für den Einsatz in der Grundschule sind für uns Anbieter, die neben der Video-Kommunikation auch weitere Funktionen zur Chat-Kommunikation, Nachrichten-übermittlung und Datei-Management direkt mit integriert haben.

Wir haben uns dabei die folgenden Anbieter angeschaut: iserv, vicole, fimago, sdui und schoolfox. Natürlich gibt es noch eine Vielzahl weiterer Anbieter, die o.g. erschienen uns aber vom Funktionsumfang passend oder waren Empfehlungen anderer Schulen. Unsere grundsätzlichen Hypothesen für die Vorauswahl waren dabei:

  1. eine einfach nutzbare Kommunikations-Lösung ist in der Grundschule wichtiger als eine ausgereifte, komplexe Lernplattform
  2. Benutzerfreundlichkeit ist wichtiger als maximaler Funktionsumfang
  3. Reine Video-Konferenz-Tools sind im Funktionsumfang nicht ausreichend genug
  4. Teurere Angebote, die in der jährlichen Lizenz über 3.000 Euro im Jahr liegen (bei 500 Nutzern) scheiden aus

Aus der Liste dieser möglichen Anbieter sind über die Hypothesen die Plattformen iserv, vicole, fimago (aufgrund der Preisstruktur) direkt herausgefallen.

Vicole bietet ein digitales Klassenzimmer mit Online-Dateiablage und Video-Konferenz an. Der Funktionsumfang der Lösung ist vielversprechend, aber das Preismodell mit einer monatlichen Gebühr von ca. 500 € aus unserer Sicht überteuert.

fimago SCHOOL umfasst einen digitalen Klassenraum, in dem Lehrkräfte Aufgaben nach Fächern anlegen können, eine Video-Konferenz sowie eine Datei-Management-Funktion. Das Preismodell ist mit 500 € monatlich für den Funktionsumfang nicht angemessen.

4. Praxis-Test

Die folgenden zwei Anbieter schoolfox und Sdui haben wir anschließend in einem Praxis-Test angeschaut und den Funktionsumfang konkret getestet. Die für uns wichtigen Anforderungen und Funktionen an die Plattform findet Ihr in der nachfolgenden Tabelle aufgeführt:

FunktionBeschreibung
ChatEinfach zu nutzender Messenger, verschiedene Gruppen möglich
Video-ChatGruppen-Video Chat inkl. Screensharing
Info-Brett Zentrales Informationsbrett für allgemeine Infos an Eltern, Schüler, Lehrer
Digitale TafelDigitales Whiteboard, das im Video Chat als „Tafel“ verwendet werden kann
Kalender ToolPlanung von Terminen und Video-Chats (zusätzlich zum Stundenplan)
Dokumenten-ManagementFlexible Ordner je Klasse und Fachbereich. Separate Ordner mit unsichtbarem Upload für Hausaufgaben und Tests
User-/ID-ManagementAnbindung an Schul-Verwaltungssoftware, alternativ: Upload der Schul-Server-Datei (csv)
Stunden/Vertretungsplan Offene Anbindung an Stundenplan-Tools (wie z.B. untis etc.)
Multi-language supportAutomatische Übersetzung der Kommunikation und Nachrichten in andere Sprachen
Nutzung/ZugangNutzung via Web und iOS / Android App möglich
UsabilityGute und einfache, kindgerechte Benutzerfreundlichkeit (Usability)
HostingCloud hosting, Server in Deutschland, AVV (Auftragsdatenverarbeitung)

Sdui

Funktionsumfang

Sdui ist eine umfangreiche Kommunikationslösung, die den Großteil der von uns gewünschten Funktionen erfüllt: Chat für unterschiedliche Gruppen, integrierter Video-Chat, Nachrichten und Mitteilungen wie Elternbriefe (auch mit Lesebestätigung), Datei-Management mit Download und Upload sowie unsichtbarem Upload für Tests und Klassenarbeiten. Bei den Nachrichten können wichtige News per Push-Benachrichtigung in der App gesendet werden sowie alle Mitteilungen automatisch in viele Sprachen übersetzt werden. Bei allen Gruppen werden automatisch Ordner in der Cloud mit unbegrenztem Speicherplatz erstellt. Es fehlt aktuell noch ein Kalender-Tool (ist aber wohl geplant für 2021) und ein digitales Klassenbuch.

Interessant ist das Konzept, über Schnittstellen weitere Services (die ohnehin schon an der Schule verwendet werden) zu integrieren. So kann über eine Schnittstelle der aktuelle Stunden- und Vertretungsplan aus den gängigen Planungsprogrammen wie z.B. Untis, Indiware, DAVINCI und aSc direkt in die App integriert werden. Darüber hinaus kann Sdui auch mit bestehenden Nutzer-Accounts der Schulverwaltungssoftware genutzt werden und die ID-Management-Lösung über Schnittstellen zu LDAP und Active Directory angeschlossen werden.

Wenn die Schule bereits eine Infoscreen-Lösung hat, können über Sdui Vertretungen und News auf dem Monitor anzeigen. Alternativ lässt sich ein Hardware-Kit für Monitore (Rasperry-Pi) bestellen.

Anbieter

Sdui begann 2015 als Schulprojekt an einem privaten Gymnasium und wurde als Projekt mehrfach bei “jugend forscht” ausgezeichnet. 2018 wurde die Sdui GmbH gegründet, um das Produkt offiziell anderen Schulen zugänglich zu machen. Mittlerweile arbeiten bei Sdui 40 Mitarbeiter und aus der App wurde eine Plattform, die Schulen rundum in der digitalen Kommunikation unterstützt. Die Firma arbeitet mit verschiedenen IT-Partnern sowie einem erfahrenen Fachbeirat zusammen und wird von Investoren wie dem Land Rheinland-Pfalz mit der Förderbank ISB sowie dem High-Tech Gründerfonds unterstützt.

Usability

Die Usability in der App ist intuitiv und sehr gut, dafür könnte die Web-Oberfläche, gerade für den Einsatz zu Hause am Laptop oder durch die Lehrer*innen etwas optimiert werden (man merkt, dass das Hauptaugenmerk in der Entwicklung auf der App liegt). Für Video-Konferenzen wird aus der App eine separate „Sdui Meet“ Video-Chat-App gestartet, im Web startet die Konferenz direkt im Browser. Das App Rating bei Apple ist mit 4,5 von 5 Sternen (und knapp 4.000 Bewertungen) sehr gut und es gibt auch viele positiven Kommentare der Nutzer.

Preis

Das Preismodell bei Sdui umfasst für eine Grundschule eine Grundgebühr von 249 € und einen Preis von 2,49 € je Nutzer pro Jahr (bei weiterführenden Schulen 499 € plus 2,99 €). Damit kommen wir bei 500 Schüler*innen auf knapp 1.500 € pro Jahr. Der Support ist kostenlos und es wird aktuell eine 3-monatige kostenlose Testphase angeboten. Es gibt zudem Rabatte bei längerfristigen Verträgen und für Schulträger mit mehreren Schulen.

Einschätzung

Sdui ist eine interessante Lösung für den Einsatz an der Grundschule. Der Fokus liegt klar auf Kommunikation, aber das Konzept einer offeneren Plattform mit Anbindung weiterer Tools in einem insgesamt sehr benutzerfreundlichen Interface ist spannend. Das Preis-Niveau liegt über der Konkurrenz von schoolfox, aber immer noch weit unter den anderen Angeboten. Positiv ist die Zuweisung eines/einer festen Ansprechpartner*in im Support, damit auf die Bedürfnisse und Fragen der Schule schnell reagiert werden kann.

SchoolFox

Funktionsumfang

SchoolFox ist eine Kommunikations-Plattform, mit der Lehrer*innen, Eltern und Schüler*innen untereinander Nachrichten, Texte, Bilder und Dateien teilen können und sich zu Hausaufgaben, Projekten und Veranstaltungen austauschen können. Der Funktionsumfang ist für den Einsatz an einer Grundschule gut geeignet und recht vergleichbar mit sdui.

Praktisch ist die Möglichkeit, alle Termine wie z.B. die nächste „Online Video-Unterrichtsstunde“ vorher im Kalender zu planen. Noch fehlt leider ein übersichtlicher Kalender, der alle Termine in der Übersicht anzeigt. Zudem fehlt die Anbindbarkeit von anderen Tools, wie z.B. die Integration der Stunden- und Vertretungspläne.

Die Kommunikations-Funktionen sind sehr gut und ermöglichen Gruppenmitteilungen, digitale Bestätigung bei wichtigen Nachrichten, eine moderierte Diskussion und automatische Erinnerungen. Die Video-Lösung erfolgt durch eine Integration von Jitsi. Zudem gibt es eine automatische Übersetzungsfunktion in 40 andere Sprachen, was bei internationalen Eltern natürlich spannend ist.

Der Cloud-Speicher beinhaltet 500 MB pro Klasse, kann bei Bedarf aber auch erweitert werden.

Anbieter

Die Software ist eine Entwicklung des Start-Ups Fox Education Services GmbH aus Österreich. Schoolfox ist 2015 als reines Mitteilungstool für Schulen und KiTas gestartet und hat in den letzten Jahren den Funktionsumfang der Software in enger Zusammenarbeit mit Lehrer*innen und Familien weiterentwickelt. Mittlerweile gibt es auch ein Büro in Berlin und schoolfox wird nach eigenen Angaben in über in 5.000 Schulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz eingesetzt.

Usability

Die Benutzerfreundlichkeit der App ist gut gelöst und die App bekommt im App-Store sehr gute Ratings (z.B. im Apple AppStore eine 4,6 von 5 Sternen bei über 11.000 Bewertungen, was ein guter Indikator für die Zufriedenheit der Nutzer ist). Uns hat ein wenig die Integration der Video-Lösung gestört, da in der App die User über einen Zwischenscreen zu einer Web-Ansicht oder aber der Jitsi App (erneuter Download) geleitet werden.

In der Web-Oberfläche ist die Nutzung sehr übersichtlich und einfach (s. Screenshot). Für die Zielgruppe der Grundschule daher gut geeignet.

Preis

Es gibt eine Klassen-Lizenz und eine Schul-Lizenz. Bei einer Einzelklasse werden 5 € pro Kind pro Jahr fällig. Bei einer Klasse von 24 Kindern also 120 € pro Jahr. Interessanter ist das Preismodell eher bei der Schul-Lizenz, bei der sich der Preis der Gesamtlizenz nach der Anzahl der Schüler*innen richtet. Bei einer Schule mit 500 Nutzern ergibt sich eine Jahreslizenz von 699 € (also 1,40 € pro Schüler*in). Ein kostenloser Support wird jeweils mit angeboten und es gibt eine kostenlose Testphase von 1 Monat.

Einschätzung

Schoolfox ist eine gute Kommunikationsplattform, die mit einem sehr guten Preis-Leistungsverhältnis angeboten wird. Mit einer Jahreslizenz von 699 Euro ist das Tool einen genaueren Blick und einen Test definitiv wert.

In der nachfolgenden Tabelle findet ihr alle Informationen zu den Funktionen in der Übersicht.

 
Chat✔️✔️
Video-Chat✔️✔️
Info-Brett ✔️✔️
Digitale Tafel--
Kalender Toolgeplantgeplant
Dokumenten-Management✔️✔️
User-/ID-Management✔️ csv ✔️ csv, SDS
Stunden/Vertretungsplan -✔️ Anbindung untis etc.
Multi-language support✔️✔️
Nutzung/ZugangWeb & AppsWeb & Apps
Usability⭐️ ⭐️ ⭐️⭐️ ⭐️ ⭐️
HostingDeutschlandDeutschland

In der nachfolgenden Tabelle findet ihr alle Informationen zu den Funktionen in der Übersicht.

 
Chat✔️✔️
Video-Chat✔️✔️
Info-Brett ✔️✔️
Digitale Tafel--
Kalender Toolgeplantgeplant
Dokumenten-Management✔️✔️
User-/ID-Management✔️ csv ✔️ csv, SDS
Stunden/Vertretungsplan -✔️ Anbindung untis etc.
Multi-language support✔️✔️
Nutzung/ZugangWeb & AppsWeb & Apps
Usability⭐️ ⭐️ ⭐️⭐️ ⭐️ ⭐️
HostingDeutschlandDeutschland

Über den Autor

Stefan Betzold ist seit 20 Jahren beruflich im Digital- und Medienbereich unterwegs und interessiert sich als Vater von zwei Kindern in Grundschule und Vorschule seit einiger Zeit verstärkt für Digitalisierungsthemen im Bildungssegment. Als Elternvertreter an einer Berliner Grundschule unterstützt Stefan im Rahmen einer „digitalen Arbeitsgruppe“ bei Planung und Umsetzung von Digitalisierungsprojekten in der Schule.
Bei Fragen, Ideen oder Kommentaren erreicht ihr Stefan über LinkedIn.